Hauptinhalt
Topinformationen
Open-Call
Unvorhergesehenes begehen. Abkürzungen erzeugen. Umwege gehen. Krumme Linien ziehen. Ein desire path ist vorläufig, er bleibt offen für Abbruch und Wiederaufnahme. Sichtbarkeit entsteht durch Wiederholung: durch das Noch-ein-mal-Gehen; durch eine Entscheidung, die oftmals weder offiziell anerkannt noch argumentativ abgesichert ist. Desire paths können leise Widersprüche gegen feste Strukturen artikulieren. Sie zeigen indirekt jene Stellen, an denen Entwürfe nicht aufgehen, an denen Ordnung versagt oder übergangen wird. Sie entstehen eher durch Praxis als durch Planung. Sie können sich verändern, verzweigen, verschwinden. Ihr Charakter ist performativ.
Zwischen Individuellem und Kollektivem angesiedelt, entstehen desire paths durch einen Drang, der stärker ist als das Bedürfnis, einem vorgese- henen Weg zu folgen. Sie fügen sich nicht nahtlos in bestehende Forschungsansätze und -praktiken ein. Sie entstehen dort, wo etwas fehlt, lockt oder irritiert. In der Markierung von Abweichungen unterlaufen sie Ordnungen auf tastenden, provisorischen Wegen.
Die aktuelle kunstpädagogische Forschung ist durch eine ausgeprägte methodische und methodologische Pluralität gekennzeichnet. Diese Pluralität betrifft sowohl unterschiedliche Verfahren der Datenerhebung und -auswertung als auch grundlegende Annahmen darüber, wie ästhetische Erfahrung, künstlerische Praxis und Bildungsprozesse als Forschungsgegenstände gefasst wer- den können. Sie zeigt sich in vielfältigen methodologischen Positionierungen, die je eigene Formen der Problematisierung, Sichtbarmachung sowie Theoretisierung hervorbringen, da sie an historische Entwicklungen gebunden sind, disziplinären Traditionen folgen und damit in diskursive Infrastrukturen verflochten sind. Die jeweilige Perspektive ist darin stets eine »partiale« (Haraway 1995: 73 ff.) und bestimmt, was jeweils überhaupt in den Blick genommen werden kann und wie es jeweils auftritt (vgl. ebd.). Methodische Entscheidungen und methodologische Begründungen als strukturierende Setzungen zu untersuchen, die markieren, was als relevant gilt, welche Fragen gestellt werden und welche Formen der Evidenz Anerkennung finden, ist daher ein zentrales Anliegen aktueller Forschung.
Für die dezidiert kunstpädagogische Forschung lässt sich in den vergangenen circa dreißig Jahren eine zunehmende Beschäftigung mit empirischen Zugängen beobachten. Zugleich weist die empirische Forschung innerhalb der kunstpäda- gogischen Fachgeschichte eine längere Tradition auf, die etwa in Form von Fallanalysen und -berichten deutlich vor dieser ›empirischen Wende‹ sowie den in diesem Kontext formulierten qualitativ-empirischen und interpretativen Ansätzen einsetzt (vgl. Peez, 2001: 26). Neben Kombinationen von qualitativen, hermeneutischen, phänomenolo- gischen und kasuistischen Ansätzen lassen sich in zunehmender Weise auch quantitativ-empirische Forschungszugänge beobachten. Schließlich zeichnet sich in der aktuellen Erziehungswissenschaft ein Diskurs ab, der über die konkrete empirische Forschung hinaus nach den »Methodologisierungsmöglichkeiten« (Fischer/Jergus/Puhr/ Wrana 2021: 12) theoretischer Forschung fragt, die sich zwischen Empirie und Theorie bewegen (vgl. Hirschauer 2019; vgl. Nassehi, Saake 2002: 81).
Nachwuchswissenschaftler:innen bewegen sich angesichts dieser Pluralität und komplexen Verstrickungen in einem Feld, das hohe Anforderungen an begriffliche Klarheit und methodologische Positionierung stellt. Wie lässt sich mit diesen komplexen Verhältnissen umgehen, ohne sie zu stark zu vereinfachen? Wie können probende oder experimentelle Forschungszugänge gegen- über einem bloß instrumentellen oder dogmatischen Methodenbegriff profiliert werden? Wie lassen sich methodisch-methodologische Fragen und Unschärfen angesichts der besonderen Struktur kunstpädagogischer Forschungsgegenstände bearbeiten und diskutieren? Wie können sozial- und erziehungswissenschaftliche Methoden für die kunstpädagogische Forschung genutzt und zugleich hin zu anderen Methodologien und Epistemologien, wie der künstlerischen Forschung, geöffnet werden (vgl. Bader, Johns, Krauß 2023; vgl. Badura 2015)? Und: Welche Grenzen zeichnen sich bei solchen Transfers ab?
Mit der Figur der desire paths schlagen wir einen zunächst offenen und weiten Methodenbegriff vor, der diese im Sinne eines »Wegs«, bzw. eines »Wegs zu etwas hin« (Johns 2021: 114) versteht. Ausgehend von einem flexiblen und experimentellen Begriffsverständnis vertreten wir die Haltung, dass sich Methoden nicht vollständig vorab fixieren lassen. Die Wege, die wir innerhalb eines Forschungsprozesses beschreiten, folgen nicht nur einer Planung, sondern entstehen oft erst im ›Durchwandern‹ eines Feldes. Desire paths sind jene informellen Wege, die sich bilden, wenn wir bereits vorgelegte und vorgelebte Wege verlassen sowie andere, neue und ungeplante Pfade verfolgen. Dabei richtet sich der Blick auf die Angemessenheit des Weges zum Gelände. Neues entsteht dort, wo sich Passungsverhältnisse gerade nicht auf etablierte Pfade stützen können.
Gegenstand der Nachwuchstagung ist ein kritischer und kollegialer Austausch über die fachspezifische Methodenkultur in der kunstpädagogischen Forschung. Wir gehen davon aus, dass die Kunstpädagogik sozial- und erziehungswissenschaftliche Forschungsmethoden und -methodologien im Horizont ihrer spezifischen Wissen(schaft)skultur und ihrer Gegenstände aufgreift, weiterentwickelt und transformiert. In diesem Prozess entstehen eigenständige methodologische Profile, die disziplinäre Perspektiven schärfen und bisweilen auch kritische Verschiebungen etablierter Ansätze hervorbringen. Die Flüchtigkeit und Unsichtbarkeit ästhetischer Erfahrung, die Experimentalität und Materialität künstlerischer Forschung, wie auch die Performativität und Leiblichkeit produktiver und rezeptiver Prozesse bedürfen besonderer forschender Reflexionspraktiken. Als mögliche Zugänge zu diesen komplexen Verhältnissen schlagen wir folgende Themenfelder bzw. Fragefelder vor:
Performativität und Experimentalität
Welche Rolle spielt ein performatives Methodenverständnis innerhalb kunstpädagogischer Forschungsprozesse? Inwieweit lässt sich ein experimentelles und probendes Vorgehen methodologisch legitimieren und methodisch kontrollieren? Welche Brüche und Widersprüche treten hier auf, wenn Forschung zumeist als planvolles Vorgehen entworfen wird, ästhetische und künstlerische Phänomene aber in besonderer Weise mit dem Ungeplanten und Unkontrollierbaren verbunden sind?
Materialität und Medialität
Welche Rolle spielen Medien innerhalb von Forschungsprozessen? Auf welche Weise treten sie auf und wie lassen sie sich als grundlegende Instanzen der Sichtbarmachung reflektieren? Wie kann Materialität als eigenständige Instanz etwa in künstlerischen Prozessen methodisch reflektiert und gegenüber dem primär interpretativen Zugriff der sozialwissenschaftlichen Forschung geschärft werden?
Subjektivität und Perspektivität
Wie lassen sich ›Wege‹ von Forschung entwickeln, die Subjektivität als konstitutive Dimension von Forschungsprozessen fassen und ihre erkenntnisgenerierende Funktion systematisch reflektieren? Welche Rolle spielt die je singuläre damit verbundene Perspektive und auf welche Weise fließt diese in den Forschungsprozess ein? Welche Verzerrungen, aber auch Potenziale sind damit jeweils verbunden?
Hybridität und Reflexivität
Wie lassen sich Forschungsprozesse konturieren, die theoretische und empirische Zugänge in hybriden Arrangements verbinden und daraus eigen- ständige methodologische Profile ausbilden? Wie können solche hybriden Methodologien, die auf die besondere Struktur kunstpädagogischer Forschungsgegenstände antworten, begründet und reflektiert werden, wenn etwa die nicht-sprachliche Dimension ästhetischer Forschung ein Interview an seine Grenzen führt? Und wie lässt sich Reflexivität innerhalb solcher Forschungsprozesse auf den Prozess selbst rückbeziehen?
Einreichung von Beiträgen
Wir laden herzlich ein, Abstracts zu Beiträgen (Vortrag, Präsentation, Workshop) einzureichen. Auch Beiträge jenseits der üblichen Formen sind möglich und ausdrücklich erwünscht. Für die Abstracts bitten wir bis zum 15.05.2026 um folgende Angaben: Titel und Abstract des Beitrags (max. 2500 Zeichen inkl. Leerzeichen und Literatur- und Quellenangaben), sowie eine Kurzvita (max. 250 Zeichen).
Ein Abstract erscheint nicht geeignet, um zu sagen, was gesagt werden sollte? Alternativen sind ebenso willkommen!
Einreichungen und Anmeldungen an:
desirepaths@uni-osnabrueck.de
Wir freuen uns über rege Teilhabe, progressive Aufschläge und experimentelle Eingaben!
Die Tagung wird durch die Universität Osnabrück und die Sozietät Kunst Medien Bildung e.V. gefördert.
Tagungsort und -zeit
Die Tagung wird am 20.-21.11.2026 an der Universität Osnabrück am Institut Kunst/Kunstpädagogik stattfinden. Sie beginnt Freitag voraus- sichtlich um ca. 14:00 Uhr und wird am Samstag um ca. 18:00 Uhr enden. Organisatorische Rückfragen können an desirepaths@uni-osnabrueck.de gerichtet werden.
Organisationsteam
Alexander Averhage/ Jasmin Böschen Gálvez/ Katharina Brönnecke/ Catharina Jochum /Lea Maria Manthei/ Elisa Rufenach-Ruthenberg/ Lukas Sonnemann/ Silke Wittig
Literaturangaben
Bader, Nadia/Johns, Stefanie/Krauß, Lennart (Hrsg.) (2023): how to Arts Education Research. Wissenspraxen zwischen Kunst und Bildung. Reihe Kunst Medien Bildung, Band 10. München: kopaed.
Badura, Jens (2015): Erkenntnis (sinnliche). In: Badura, Jens/Du- bach, Selma/Haarmann, Anke/Mersch, Dieter/Pérez, Germán Toro/ Rey, Anton/Schenker, Christoph (Hrsg.): Künstlerische Forschung. Ein Handbuch. Zürich/Berlin: diaphanes. S.43–48.
Fischer, Diana/Jergus, Kerstin/Puhr, Kirsten/Wrana, Daniel (2021): Theorie und Empirie — Einleitung. In: Fischer, Diana/Jergus, Kers- tin/Puhr, Kirsten/Wrana, Daniel (Hrsg.): Theorie und Empirie. Erkenntnisproduktion zwischen Theoriebildung und empirischen Praxen. Halle Wittenberg: Martin-Luther-Universität. S. 10–28.
Haraway, Donna (1995): Die Neuerfindung der Natur. Primaten, Cyborgs und Frauen. Frankfurt/New York: Campus-Verlag.
Hirschauer, Stefan (2019): Die Empiriegeladenheit von Theorien und der Erfindungsreichtum der Praxis. In: Hirschauer, Stefan/ Kalthoff, Herbert/Lindemann, Gesa (Hrsg.): Theoretische Empirie. Zur Relevanz qualitativer Forschung. 3. Auflage. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. S. 165–187.
Johns, Stefanie (2021): Vom Zwischen aus – Weisen bildreflexiver Annäherung an Bilderfahrung in Wissenschaft, Kunst und Vermittlung. München: kopaed.
Nassehi, Armin/Saake, Irmhild (2002): Kontingenz: Methodisch verhindert oder beobachtet? Ein Beitrag zur Methodologie der qualitativen Sozialforschung. In: Zeitschrift für Soziologie, Jahrgang 31, Heft 1. S. 66-86. DOI: doi.org/10.1515/zfsoz-2002-0104. [Zugriff: 01.12.2024].
